Theater im Klassenzimmer: Georg Büchner hautnah

p1020497_0.jpgDas Klassenzimmer ist ungewöhnlich voll, dicht gedrängt sitzen die Schülerinnen und Schüler einiger Abiturkurse des Faches Deutsch um die quadratische Spielfläche. Auch in diesem Jahr zieht die Aufführung der Tourneebühne THEATERmobileSPIELE des Regisseurs und Theaterpädagogen Thorsten Kreilos die Zuschauer in ihren Bann.

Der Schauspieler Georgios Tzitzikos schlüpft in dem Stück Büchner. die welt. ein riss. in die Rollen aus den meisten Werken des manchmal schwer zugänglichen Literaten. König Peter aus Leonce und Lena, Woyzeck, Danton, Robespierre, Lenz und gar Büchner selbst haucht er Leben ein. Allesamt dargestellt mit unglaublicher Stimmvielfalt, unterschiedlichen Bewegungsmustern und ansteckendem Enthusiasmus.

Warum Zeichen aus dem Film Matrix auf den Requisiten abgedruckt sind und was die Matrix überhaupt mit Büchner zu tun habe, fragt ein Schüler im ausführlichen Nachgespräch. Regisseur Thorsten Kreilos fragt zurück, nach dem Inhalt des Films: Menschen, die unterdrückt sind und es erst noch erkennen müssen, um sich befreien zu können. Genau dies sei auch eines von Büchners Hauptthemen: Kritik an der Herrschaftsform seiner Zeit und die soziale Ungleichheit, gegen welche die Revolution Dantons ankämpft, die auch stets Büchners Ziel in seinen eigenen deutschen Agitationen war und wegen der Woyzeck in den Wahnsinn gerät.

Doch neben diesen Themen zeigt der Künstler auch den Riss, welcher Büchners ganze (lesbare) Erlebniswelt durchzieht. Zwischen Geburt und Tod, dem Streben nach wohliger Leere, dem Zweifeln an der Sinnhaftigkeit und Göttlichkeit einer grausamen Welt und Dantons zentraler Frage zum Menschen selbst: „Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?“

Eine tiefgehende Vorstellung von Büchners Gedankenwelt wurde den Abiturienten aufgezeigt, wodurch die Verbindung zwischen einem Autor, seinem Gesamtwerk und den Werken im Einzelnen erlebbar wurde. Zusammengefasst: lebensnaher Irrsinn, die Matrix und glaubwürdiger Gegenwartsbezug. So gelingt Theater.

 

Text: Clemens Straub

Bilder: Christoph Heizmann